Menschen, die ständig alles kommentieren

Menschen, die ständig alles kommentieren

Es gibt Menschen, die können einfach nichts für sich behalten

Mal ehrlich… kennt ihr diese Leute? Menschen, die zu allem eine Bemerkung haben. Wirklich zu allem. Da fährt irgendwo ein Auto vorbei – Kommentar. Der Nachbar stellt einen neuen Sonnenschirm auf – Kommentar. Die Stadt pflanzt zwei neue Bäume – sofort Kommentar.

Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob die morgens überhaupt erst einen Kaffee trinken oder ob sie schon beim ersten Blick aus dem Fenster loslegen. „Ach guck mal, der Heinz hat die Rollläden heute aber später hochgemacht.“

Ich glaube, bei denen läuft irgendwo im Kopf rund um die Uhr ein automatisches Kommentarsystem. Das schaltet nie ab. Nicht nachts, nicht sonntags und schon gar nicht im Urlaub.

Nachbarschaft immer im Blick

Besonders spannend wird das in der Nachbarschaft. Da reicht schon die kleinste Veränderung und schon beginnt die Gerüchteküche zu brodeln. Der Nachbar fährt plötzlich ein anderes Auto? „Na, der muss ja Geld haben.“ Dabei ist die alte Kiste vielleicht einfach auseinandergefallen. Vor dem Haus wird eine neue Hecke gepflanzt? „Na, jetzt wollen sie wohl Eindruck machen.“ Die Stadt repariert endlich mal eine kaputte Straße, über die sich seit Jahren jeder aufregt? „Typisch… das hätten sie auch anders machen können.“ Egal was passiert – es ist nie einfach nur passiert. Es muss analysiert, bewertet und möglichst noch mit einer kleinen Portion Häme kommentiert werden.

Supermarkt – Kommentare als Dauerbeschallung

Vor ein paar Tagen wollte ich einfach nur gemütlich einkaufen. Nichts Besonderes. Ein paar Brötchen, etwas Käse, ein bisschen Obst und wieder heim. Ich schiebe also meinen Einkaufswagen Richtung Gemüseabteilung, da klopft mir plötzlich jemand auf die Schulter. Ich drehe mich um und denke nur: Ach du liebe Zeit… Herrmann. „Rudi! Mensch, lange nicht gesehen.“ Das war der Moment, in dem ich wusste, dass aus meinem Zehn-Minuten-Einkauf mindestens eine halbe Stunde wird. Und genauso kam es.

Keine drei Sekunden später ging es los. „Hast du draußen gesehen? Drei Autos stehen völlig schief auf dem Parkplatz.“ Ich nicke. „Und hast du mal geguckt, was Buttermilch inzwischen kostet? Das ist doch nicht mehr normal.“ Wieder nicken. „Außerdem stehen die Leute ständig mit ihren Einkaufswagen mitten im Gang. Die merken überhaupt nichts mehr.“ Und es nimmt kein Ende. „Rudi, weißt du schon, der Otto ist mit 63 in Rente gegangen. Der hat doch nie was gearbeitet, immer im Büro rumgesessen.“ Herrmann redete ohne Punkt und Komma. Ich hatte zwischenzeitlich schon vergessen, was ich eigentlich kaufen wollte. Wahrscheinlich hätte ich sogar Spülmittel in den Kühlschrank gelegt, wenn er noch fünf Minuten weitergeredet hätte.

Dann kam plötzlich der Satz, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte. „Du hast ein neues Auto?“ Ich schaue ihn an und denke: Woher weiß der das denn jetzt schon wieder? Das Auto stand vielleicht zwanzig Minuten draußen auf dem Parkplatz. „Hat mir die Erna erzählt“, sagte er ganz selbstverständlich. Natürlich. Erna. Die Frau hat offenbar bessere Informationen als jede Nachrichtenredaktion. Und bevor ich überhaupt erklären konnte, dass meine alte Karre nach fünfzehn Jahren endgültig beschlossen hatte, in den Ruhestand zu gehen, kam schon der nächste Spruch. „Na, da sieht man mal, wer Geld hat.“ Ich musste echt lachen. Das Auto ist gebraucht, hatte ein gutes Angebot und war am Ende günstiger als die ständigen Reparaturen. Aber das spielt bei solchen Leuten überhaupt keine Rolle. In ihrem Kopf läuft sofort ein ganz anderer Film.

Haben die sonst nix zu tun?

Ich frage mich manchmal wirklich, ob solche Menschen sonst nichts zu tun haben. Bei denen scheint irgendwo im Hintergrund ein Scanner zu laufen. Jede Veränderung wird sofort registriert, verarbeitet und kommentiert. Neuer Briefkasten? Gesehen. Neue Schuhe? Gesehen. Das Paket vom Versandhandel war heute größer als sonst? Ebenfalls gesehen. Wahrscheinlich könnten die sogar erzählen, wie oft der Paketbote diese Woche geklingelt hat und welche Farbe die Socken vom neuen Nachbarn hatten. Die entgeht einfach nichts.

Und das Schlimmste ist: Es bleibt ja nicht bei einer Bemerkung. Aus jeder Kleinigkeit entsteht plötzlich ein Staatsakt. Toni stellt seine Mülltonne fünf Minuten früher raus. Riesenthema. Paul hat seine Hecke noch nicht geschnitten. Diskussionsstoff für den ganzen Nachmittag. Frau Schneider telefoniert vor der Haustür. Da wird sofort spekuliert, mit wem, warum und wie lange. Ich denke mir jedes Mal: Leute… es ist eine Mülltonne. Kein G20-Gipfel.

Im Berufsleben ist das übrigens kein bisschen besser. Ich hatte mal eine Kollegin, die wusste alles. Wirklich alles. Und wenn sie etwas nicht wusste, hat sie so lange gefragt, bis sie es wusste. Da wurde jedes Gespräch mitgehört, jede Kleinigkeit registriert und jeder kleine Fehler eines Kollegen mit diesem leicht süffisanten Grinsen kommentiert. Man hatte manchmal das Gefühl, sie arbeitet gar nicht im Büro, sondern hauptberuflich bei der Gerüchtepolizei.

Das geht schon an die Nerven!

Natürlich gehen einem solche Menschen manchmal gewaltig auf die Nerven. Aber wenn ich ehrlich bin, liefern sie gleichzeitig auch das beste Unterhaltungsprogramm. Denn kaum sind sie weg, erzählt schon der Nächste: „Hast du gehört, was der Herrmann heute wieder erzählt hat?“ Und genau in diesem Moment passiert etwas…. Der Mensch, der den ganzen Tag alles kommentiert, wird plötzlich selbst zum Gesprächsthema. Tja Herrmann… willkommen auf der anderen Seite. Da sieht man mal, wie schnell aus dem Nachrichtensprecher die Schlagzeile wird. Aber mal so unter uns – sind wir nicht alle so ein bisschen Herrmann?

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